Sex, Liebe und die Suche nach Sinn

Spirituell gefärbte Gedanken und Geschichten zur Evolution der Liebe


Hinterlasse einen Kommentar

Körper Philosophie

Mein zweiter spiritueller Lehrer war Barry Long, ein leidenschaftlicher, sehr ernster, tiefer und liebender Mann, der sich als ‚westlichen Tantra Meister‘ bezeichnete. In seiner Lehre war die sexuelle Begegnung und das aufrichtige Zusammensein von Mann und Frau ein spiritueller Weg, eine Art, das Göttliche, oder, für wen das Wort nicht stimmig ist, das Gute und Schöne in der Welt auszudrücken.

Ich hatte damals viele Fragen dazu, was es heisst, ‚richtig‘ Liebe zu machen – still oder leidenschaftlich, zärtlich oder wild? Wie wichtig war ein Orgasmus etc etc. Viele dieser Fragen und Ideen lebten weiter in mir, als ich mit meinem jetzigen Mann zusammen gekommen bin.

Gestern abend schlief er neben mir ein, erschöpft von einem langen Tag auf seiner Baustelle (er ist Tischler). Ich betrachtete seinen gerundeten Rücken, die groβen Hände, die fast immer Schnitte oder kleine Wunden haben, ich roch den Duft von Sägemehl und Farbe in seinem Haar. Fast konnte ich das Jaulen der Kreissäge hören, oder den Knall seines Nagelers, die ihn den Tag über begleitet hatten. Sein Körper hat nie lernen können, sehr sensibel zu sein – Massagen zum Beispiel mag er nicht, sie machen ihn rastlos und beim Sex ist er eher zielorientiert und auch angespannt. Er könnte es sich nicht vorstellen, seinen Körper einfach zu fühlen, um des Fühlen willens. Sein Körper ist Mittel zum Zweck, ein Werkzeug, das funktionieren muss, damit er sich versorgen kann. Ihm macht es nichts, wenn sein Knie blutet oder er sich am Kopf blau gestoβen hat. Es gehört zum Geschäft. Er benutzt seinen Körper, aber ihn als ,Tempel‘ zu sehen, als etwas, das auch spirituelle Kraft haben kann, das kennt er nicht.

Was heisst das – dass der Körper auch spirituelle Kraft haben kann? Das bedeutet, dass er ein Tor sein kann in eine tiefere, ungreifbare Dimension. Mit Barry Long hatten wir das Sein geübt. Die reine Wahrnehmung, das Fühlen des Lebens im Körper, die, egal welche emotionalen oder intellektuellen Inhalte sich in uns abspielen, immer und grundsätzlich positiv und gut ist. Der Körper kann uns einführen in eine Dimension des Loslassens, der Hingabe, der Erkenntnis von etwas gröβerem, umfassenderen, tieferen als das, was unser Verstand erfassen kann.

Und dennoch ist jeder Körper auch in einem bestimmten Kontext lebendig, hat ein bestimmtes Spektrum der Erfahrung, hat seine eigene Intelligenz, seine eigene Art, in der Welt zu sein.

All dies geht mir durch den Kopf wenn ich ihn schlafen sehe neben mir. Sein Atem geht schwer, gerade so, als sei auch das Arbeit.

Advertisements