Sex, Liebe und die Suche nach Sinn

Spirituell gefärbte Gedanken und Geschichten zur Evolution der Liebe

No Woman No Cry

Peep_Show_by_David_ShankboneObwohl es noch früh am Morgen war, roch der Raum nach chinesischem Essen und billigem Parfüm. Auf einem zerkratzten Couchtisch stapelten sich eselsohrige Liebesromane neben den Kaffeebechern. Ich zog ein Buch hervor, dass mir mein Vater geschenkt hatte: Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen, die Geschichte eines schizophrenen Mädchens. Es war keine gute Lektüre in dieser tristen Umgebung, und bald verschwammen die Buchstaben vor meinen Augen.

Dann ging ein Summer. Meine Kolleginnen nickten mir zu: Ich war dran. Die wenigen Meter zur Bühnentür erschienen mir plötzlich wie eine endlos lange Abschussrampe. In nur für diesen Jon gekauften neuen lila Stöckelschuhen, den ersten echten Hacken meines Lebens, trat ich vorsichtig auf die Drehbühne. Außer ihnen trug ich nur Augen-Make-Up, auch das eine Neuigkeit für mich, die – zumindest in meiner Phantasie – feministisch-spirituelle Rebellin.
So graziös ich konnte, streckte ich mich auf dem künstlichen Fell aus, das die runde Bühne bedeckte. Eine Gänsehaut perlte über meinen Körper, mir war, als hätte ich mich auf ein silbernes Serviertablett gelegt. Im Kreis um mich herum spiegelten die dunklen Einwegfenster der Kundenkabinen die Glitterkugel an der Decke. Ich versuchte, mich auf die Musik zu konzentrieren – No Woman, No Cry. Danach hatte ich früher gern eng getanzt. Sobald ich begann, mich nach Bob Marleys sehnsüchtiger Stimme zu räkeln, war es, als bewegte sich mein Körper ganz von allein, als würden die Musik und die Umgebung meine Bewegungen gleich mitliefern. Ich fragte mich, ob diese Art der Bewegung allen Frauen einfach im Blut lag, doch lange konnte ich nicht darüber nachdenken. Die verhaltene Intensität des Rythmus brachte mich immer mehr in Gang. Ich drückte meinen Rücken durch und, mit beiden Händen meine Brüste umfassend, kniete ich mich auf und sah mich plötzlich selbst, sechzehn Mal, gespiegelt in jeder der kleinen Fensterscheiben, hinter denen sich die Zuschauer verbargen. Sechzehn Mal nacktes, verführerisches Ich. Ich sah wirklich sexy aus, ganz echt, dachte ich, so wie die Frauen auf den Männermagazinen im U-Bahn-Kiosk. Plötzlich rauschten Stolz, Zuversicht und Kraft durch mich hindurch wie starker roter Wein, erdig und voll. Everything‘s gonna be alright, everything‘s gonna be alright, rief Bob Marley – und mir war plötzlich klar, welche ungeheure Macht und Kraft in dieser sexuellen Anziehungskraft lag. Reif wie eine gefallene Frucht, wartete sie nur darauf, aufgehoben zu werden, immer noch fundamentaler, stärker und mächtiger in der Welt als mein Intellekt, meine Kreativität oder meine Einsichten. Und in diesem Moment hatte ich nichts dagegen mich in ihren hypnotischen Bann ziehen zu lassen.

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