Sex, Liebe und die Suche nach Sinn

Spirituell gefärbte Gedanken und Geschichten zur Evolution der Liebe

Lila Jahre

So wie sie wollten wir zwar nicht aussehen – „irgendwie wie Männer,” wie meine Schwester Anja es nannte – aber mitmachen wollten wir bei dieser Befreiungs-Bewegung auf jeden Fall. In uns rührte sich eine wilde Kraft, die ans Licht wollte, hinaus in die Welt, und es war, als warteten wir hier, zwischen den verlesenen Emma-Zeitschriften und Parolen an den Wänden auf ein Zeichen dafür, wohin und wie wir uns ausrichten sollten. In der Zwischenzeit schrieb ich schon einmal leidenschaftliche Artikel über alternative Verhütungsmethoden für unsere Schülerzeitschrift –  Monate bevor ich selbst je Sex hatte –  und erstand das grosse lila Buch der femininen Selbsterforschung, Our Bodies, Ourselves.  Mit einer Art Plastikklammer, mit Spiegel versehen, lernte ich dort, wie man sich den Gebärmutterhals selbst anschauen und beobachten konnte, wie er vor und nach dem Eisprung aussah. Diese Entdeckungen teilte ich dann mit meinen Freundinnen wie Reiseberichte aus exotischen Ländern.

Weil meine Mutter so oft nicht zuhause war, trafen wir uns meist in meinem Zimmer und dort, auf dem Bett und dem nepalesischen Wollteppich ausgestreckt, erzählten wir uns so gut wie alles.

Eines Tages brach Katrin, deren Zeugnis grundsätzlich nur aus Einsern bestand, ganz plötzlich in Tränen aus.

„Ich will nicht mehr zum Jazztanz gehen,” schluchzte sie.

„Es sieht einfach viel besser aus, wenn Uli tanzt, oder Marion. Was soll das dann?“

Wir anderen schauten uns stumm und verunsichert an. Katrin war zwar nicht besonders attraktiv, aber Grund für solch einen Ausbruch war das auf keinen Fall – im Jazztanz hatte sie eine Zwei.

Schließlich schüttelte Vicky ihren Rotkopf.

„ Das ist doch doof,” sagte sie laut. „Wenn du tanzen willst, dann mach das doch, ist doch egal wie Uli aussieht, oder?“

Katrin schaute herab auf die knall-orangene Überdecke meines Bettes und sagte nichts. Ich starrte auf ihren perfekt gezogenen Scheitel – Haar für dünnes Haar konnte man ihn genau nachverfolgen, und plötzlich dämmerte mir etwas.

„Ja, stimmt schon Vicky, aber ich weiß glaub’ ich, was sie meint. Ich denke genau so, egal, was ich mache. Ich vergleiche mich immer. Mit euch allen. Andauernd.”

Anja, mit vierzehn die jüngste von uns und gerade noch geduldet, nickte heftig und wurde rot, wie immer, wenn sie etwas sagen wollte. „Ich glaube, das mach ich auch,”  sagte sie nur und nickte wieder.

„Naja, das stimmt. Das kenne ich auch. Bin ich hübscher als ihr? Oder schlauer als du, Katrin? Oder kann ich schneller rennen als du….”, nahm Vicky den Faden auf, während sie durch die Runde schaute. Katrin hob langsam den Kopf.

„Hm. Ja. Von morgens bis abends,” sagte Marion. Jetzt nickten wir alle und für einen Moment wurden wir still.

„Und wenn ich nicht die Beste sein kann, dann interessiert es mich nicht.” Sabines Worte fielen in unsere Mitte wie ein Stein durch eine Glasplatte. Sie war die Älteste und wir alle dachten, dass sie als Erste mit jemandem gehen würde. Die Jungs wollten bei jeder Party erst einmal mit ihr eng tanzen.

„Das geht mir auch so,” sagte Katrin leise.

„Aber wieso dir?“ sagte ich, „Du bist ja die Beste – in der Schule zumindest.”

„Eben,” Katrin sah sehr ernst drein und ich verstand plötzlich.

„ Das ist verrückt. Wir denken alle das gleiche, ganz egal, wie toll wir sind….”,

„….oder wie untoll,” endete Vicky. Wieder wurden wir still. Mein Blick wanderte von einer Freundin zur anderen. Groß und dicklich zu dünn zu schön zu schlau und unscheinbar, saßen wir da und grübelten – bis wir, ganz plötzlich wie zu einem einzigen Bild – einem Mädchen verschwommen.

„Wir denken alle das gleiche,” wiederholte ich Vickys Worte, „und alle denken wir, wir sind allein.”

Dieser Nachmittag war der Anfang eines magischen Sommers. Als hätten wir eine unsichtbare Folie durchstochen, die uns immer getrennt hatte schienen wir auf einmal dieselbe, frische Luft zu atmen. Wir zogen das lila Buch zu Rate und fanden Übungen, die unsere neugewonnene Nähe solider und wirklicher machten: Wir führten uns mit verbundenen Augen  barfüßig durch den Wald hinter unserer Siedlung, ließen uns rückwärts ins Leere fallen, um von den anderen aufgefangen zu werden oder offenbarten in dem von uns erfundenen Brettspiel unsere heimlichsten Träume für unsere Zukunft. Immer mehr wollten wir voneinander wissen, und es schien, als ob wir, je mehr wir von uns zeigten, umso mehr miteinander verschmolzen.

Dann kam der Herbst und das, was wir immer schon geahnt hatten, trat ein: Michael aus der zwölften fragte Sabine, ob sie mit ihm gehen wollte. Natürlich sagte sie Ja. Das hätten wir alle getan. Doch danach hatte sie kaum noch Zeit für unsere Gruppe und wir fühlten uns plötzlich  alle irgendwie dumm, kindisch. Was machten wir hier in unserer kleinen Welt, wo doch das wirkliche Leben, das wirkliche Wachsen und Erwachsenwerden dort draussen passierte, dort, wo sich die Jungs tummelten. In diese Welt mussten wir gehen. Kein Wort verloren wir darüber, doch das war es, was sich in unseren Köpfen abspielte. Die Nähe, die wir gekostet hatten, sank schnell auf den Grund unseres Gedächtnisses. Aber ganz los ließ mich dieser kleine Geschmack unserer Einheit, oder Einigkeit,  nie wieder.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s