Sex, Liebe und die Suche nach Sinn

Spirituell gefärbte Gedanken und Geschichten zur Evolution der Liebe

Das Ende – mit Stöckelschuhen

Abflug

April 1992, Goa, Indien

Unter uns, auf der Schotterstraße vor unserer kleinen

Villa, knatterte alle paar Minuten eine Vespa oder Harley-

Davidson vorbei, gesteuert von Männern und Frauen in

flatternden Batikhemden und Gummilatschen, denen der

Fahrtwind die langen Mähnen zerzauste. Auf die Idee, in

Goa einen Helm zu tragen, kam niemand. Jede tat hier,

was sie wollte, genauso wie Mario und ich auf unserer

Dachterrasse. Wir hatten Sex im Freien. Mario hatte

meine Hüften umfasst und dank der lila Hackenschuhe

konnteer so ganz leicht von hinten in mich hineinkommen,

wenn ich mich über die Balustrade beugte. Von

unten sah es aus, als würden wir die Aussicht genießen,

hier oben brummte Mario genüsslich vor sich hin. Ich

war nicht richtig bei der Sache. Die Idee, mit Blick über

die Mangobäume und die Dorfstraße im prüden Indien

zu vögeln, während sich hinter uns die Sonne ins Meer

ergoss, hatte für einen Moment aufregend geklungen.

Aber war sie es? Jetzt kam sie mir eher etwas kindisch

vor. Und warum, fragte ich mich, bat Mario mich immer

wieder, beim Sex die Stöckelschuhe anzuziehen? Was

hatten sie mit Liebe zu tun? Mit dem meditativen Sex, bei

dem wir uns so nahe waren? Waren sie nicht ein geradezu

klassisches Symbol für die Objektivierung der Frauen,

eine andere Variante meiner Erfahrungen in der Peepshow,

für den Fokus auf männliche Lust? Und dazu noch, jedenfalls

langfristig, verantwortlich für Rücken- und Wadenkrämpfe?

Wie mein Becken schwangen meine Gefühle

im Rhythmus mit Mario hin und her: Zurück:

Erregung und Lust und der Wunsch und die Freude daran,

ihm zu gefallen. Nach vorn: Zweifel und mein eigenes

Verständnis davon, was wichtig und richtig war, was

sich allerdings bedrohlich auf den Hausfrieden ausgewirkt

hätte. Solche Zweifel waren mir in den letzten Monaten

gefolgt wie ein Schwarm Moskitos beim abendlichen

Strandspaziergang. Egal wie sehr ich mit den Armen

wedelte, sie verschwanden nicht. Und Mario war an meinen

Bedenken nicht interessiert.

»Sweetheart, letzte Woche hast du dir doch auch keine

Sorgen gemacht«, hatte er gelacht, als ich versucht hatte,

die Hackenschuhe zu hinterfragen.

»Warum würdest du so etwas Harmloses nicht tun, für

mich, deinen Liebhaber?« Dabei hatte er mich väterlich in

die Wange gekniffen.

Barrys Lehre über die Liebe direkt ins Feld zu führen,

wollte ich nicht und so gab ich nach. Sei nicht selbstgerecht

und dogmatisch, sagte ich mir. Bis ich mir ganz klar

darüber geworden war, für welche meiner zahlreichen

und widersprüchlichen Ansichten ich wirklich einstehen

konnte, würde ich wie gehabt weitermachen.

 

Dieser Moment kam schneller als gedacht.

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