Sex, Liebe und die Suche nach Sinn

Spirituell gefärbte Gedanken und Geschichten zur Evolution der Liebe

Liebe in den Zeiten des Bhagwan

Ein Kommentar

In der Spiegel-Serie ‘Eines Tages’  (das Bild ist von dort) läuft gerade eine Diskussion zum Thema Rajneesh – der spirituelle Lehrer der 80er und 90er Jahre, der als ‚Sex-Guru’, aber auch als Buddha des 20. Jahrhunderts weltweite Berühmtheit erlangte.

 Ich war von 1980 bis etwa 84 seine Anhängerin, doch seine Lehre und Art, die Welt zu betrachten, steckt immer noch in mir – und nicht unbedingt zum Guten. Das Thema ist vielschichtig, eine gute Diskussion dazu habe ich mit einer Leserin auf Englisch hier geführt. Ich dachte mir, ich stelle einen Abschnitt eines Artikels hier ein, den ich für die Zeitschrift info3 geschrieben habe.

 Damals hatten wir sehr ernsthaft versucht, Sex dazu zu benutzen, uns geistig, oder spirituell, zu entwickeln. Die halbe westliche Welt befand sich im Rausch des freien Sex oder versuchte, dessen Folgen zu verdauen. Bei uns Sannyasins* aber, glaubte ich, hatte das wilde Leben tiefere Beweggründe. Es gab zwei Ansätze. Der erste war, soviel zu vögeln, bis der Drang ein für alle mal befriedigt und so Raum geschaffen wurde für höhere Dinge wie Meditation oder vielleicht sogar Erleuchtung. Diese Idee blieb mir fremd, ein Leben ohne Sex konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Im zweiten Ansatz wurde Sex dazu benutzt, zu lernen, über all die damit verbundenen Anhaftungen und Konditionierungen hinaus zu gehen. Da gingen wir dann fremd, als würden wir dafür bezahlt; das unweigerlich folgende Chaos der Eifersucht, des gebrochenen Vertrauens und der Einsamkeit war dann genau das, was wir zu transzendieren übten. Es gehörte quasi zu unserem spirituellen Training, die Achterbahn der Gefühle auszuhalten, ohne uns zu übergeben. Doch in fünf Jahren sehr gewissenhafter Praxis geriet ich nur immer wieder in den gleichen Strudel zielloser Verwirrung. Von Transzendenz keine Spur. Auch bei meinen Freunden schien der Erfolg aus zu bleiben. Über Jahre hinweg trösteten wir uns damit, dass all die Verunsicherung und  Entfremdung einfach Wachstumsschmerzen waren und wir  auf einem sehr radikalen und fortgeschrittenen Weg. Altmodische Werte wie Treue, Verpflichtung und Selbstaufgabe ließen uns nur die Nasen rümpfen. Meinen Freund fand ich, als die Leiterin unseres Meditations-Zentrums beschloss, die stagnierende Energie  zwischen den Bewohnern anzukurbeln, indem alle Paare für eine Woche jede Nacht mit jemand anderem schliefen. So landete D. in meinem Bett, statt in dem seiner langjährigen Freundin, die wenig später verbittert und verletzt das Zentrum verließ.

Zynismus und Misstrauen waren häufig die Folge dieser Experimente, weil sie einfache, aber durch die menschliche Geschichte hindurch hart erfochtene Werte missachteten – Werte wie Respekt, Selbstkontrolle und einen etwas demütigeren Umgang mit dem unberechenbaren, meist unbewussten Feuer sexueller Energie.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Liebe in den Zeiten des Bhagwan

  1. You are describing the universal experience of a „Neo-Sannyasin“ very well and come to valuable conclusions! This was the worst of the excesses of the 80’s, wasn’t it? But it does still have repercussions. Thanks, Astrid

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s